Hebräischer Text vokalisiert
Sprüche 14,5
עֵ֣ד אֱ֭מוּנִים לֹ֣א יְכַזֵּ֑ב וְיָפִ֥יחַ כְּ֝זָבִ֗ים עֵ֣ד שָֽׁקֶר׃
Sprüche 14,5
Ein vertrauenswürdiger Zeuge lügt nicht, aber Lügen verbreitet¹ der trügerische Zeuge.
Fußnoten
1Das hebräische Wort פּוּחַ (pûaḥ) bedeutet „blasen“, „hauchen“, „ausatmen“ oder „hervorstoßen“. In Sprüche 14,5 wird es bewusst für den falschen Zeugen verwendet. Die Bildsprache lenkt die Aufmerksamkeit auf den körperlichen Vorgang des Ausatmens: Die Falschheit erscheint nicht nur als intellektueller Irrtum, sondern als etwas, das mit Nachdruck aus dem Menschen hervorströmt. Der falsche Zeuge „haucht“ oder „schnaubt“ seine Lügen heraus. Im Gegensatz dazu spricht der treue Zeuge nicht aus Gewohnheit oder innerem Drang zur Täuschung, sondern aus Wahrhaftigkeit und Überzeugung.
Mögliche Auslegung
In der Bibel finden wir Beispiele von wahrhaftigen und trügerischen Zeugen.
Johannes, Jakobus und Petrus waren Zeugen, die den Herrn Jesus auf dem Berge verklärt sahen (Mt. 17,1-2). Zwei von ihnen lebten noch lange genug, daß durch ihr Zeugnis Schriften entstanden sind. Johannes schreibt: „Was von Anfang war, was wir gehört, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir angeschaut und unsere Hände betastet haben, betreffend das Wort des Lebens ...“ (1. Joh. 1,1-3). Aber auch die übrigen Apostel und viele andere konnten bezeugen, daß der Herr Jesus der Messias ist und aus den Toten auferstanden war. Petrus sagt deshalb: „Diesen Jesus hat Gott auferweckt, wovon wir alle Zeugen sind“ (Apg. 2,32).
Isebel beauftragte gegen Naboth falsche Zeugen, die ihn trügerisch anklagten (1. Kön. 21,8-13). Naboth hatte nämlich einen Weinberg in seinem Erbteil, und er lehnte es ab, diesen dem König Ahab zu verkaufen, damit dieser an seiner Stelle einen Kräutergarten anlegen könne (1. Kön. 21,2-3). Ahab ließ zu, daß seine böse Frau Isebel eine mörderische Intrige anzettelte (1. Kön. 21,25).
Es gibt aber noch weit bekanntere falsche Zeugen: „Gib mich nicht hin der Gier meiner Bedränger; denn falsche Zeugen sind wider mich aufgestanden und der, welcher Gewalttat ausspricht“ (Ps. 27,12). Von ihnen lesen wir auch: „Falschheit reden sie einer mit dem anderen; mit schmeichelnder Lippe, mit doppeltem Herzen reden sie“ (Ps. 12,3). Der Herr Jesus wandelte sein ganzes Leben nach den Satzungen Gottes; niemals wich er davon ab. Nach dem Willen Gottes zu leben, war seine Wonne. Doch man konnte ihn anklagen, schmähen, schlagen und kreuzigen. Wie Jeremia lange Zeit zuvor schrieb: „Und ich war wie ein zahmes Lamm, das zum Schlachten geführt wird“ (Jer. 11,19). Ferner lesen wir: „Er biete dem Schlagenden die Wange dar, werde mit Schmach gesättigt“ (Klgl. 3,30). Doch das eigentliche Gericht war, daß Gott den ganzen Zorn, der uns galt, auf ihn legte: „Jahwe hat unser aller Ungerechtigkeit auf ihn treffen lassen“ (Jes. 53,6). Er hat sich selbst zum Lösegeld für alle gegeben (1. Tim. 2,6). Niemand muß verloren gehen. Wer aber seine Übertretungen nicht einsieht und bekennt, wird von dem Herrn Jesus, dem auferstandenen Sohn des Menschen, gerichtet werden; denn „der Vater richtet auch niemand, sondern das ganze Gericht hat er dem Sohne gegeben“ (Joh. 5,22).
Mögliche Stilfiguren
Eine Stilfigur kommt selten allein, so auch in Sprüche 14,5. Sie sind das ambivalent zu unseren farbigen Textmarkern. Damit wird eine Wort oder Phrase für den Leser oder Hörer besonders hervorgehoben.
Es ist ein Chiasmus, eine Etymologifigur, antithetischer Parallelismus zu erkennen und vermutlich noch weitere Stilfiguren.
Die Etymologiefigur funktioniert hier nicht wie die klassische, bei der das Verb und Nomen, die zur gleichen Wurzel gehören, nahe beieinander bzw. linear liegen, vielmehr sind sie hier chaistisch, also parallel überkreuzt, angeordnet. Chiasmus geht dem Griechischen Buchstaben Chi zugrunde. Dieser ist mit unserem X gleichbedeudend. Wir sehen, dass im Hebräischen Text das linke obere Wort rechts unten als Etymologiefigurpaar erscheint. Notwendigerweise müssen die parallelen Glieder untereinander stehen, um diesen Effekt besser zu erkennen. Der hebräische Text gibt uns die Glieder mit dem Athanachzeichen an:
עֵ֣ד אֱ֭מוּנִים לֹ֣א יְכַזֵּ֑ב
וְיָפִ֥יחַ כְּ֝זָבִ֗ים עֵ֣ד שָֽׁקֶר׃